Verfasst von: ballmann | 15. April 2009

Für Elise

Ich brüte über einem ausgesprochen komplizierten Urteil, da reisst mich das Telefon aus der Konzentration.

Anwaltskanzlei Hungerdunker, Hungerdunker und McCormack, meine Name ist Sieglinde Einfalt, guten Tag.

Herr Rechtsanwalt Hungerdunker jun. hätte Sie gern gesprochen.

Darf ich Sie verbinden ?

Noch bevor ich fragen kann, in welcher Sache er mit mir sprechen will, dringt eine selten dämlich-elektronische „Für Elise“-Version in mein Ohr.

Einmal.

Zweimal.

Wieso geht der jetzt nicht ran, wenn er mich sprechen will ?

Dreimal.

Dä, dä, dä, dee, dä dä, dä,  dee

Viermal.

Fünfmal.

Dä, dä, dä, dee, dä dä, dä,  dee.

Der Hörer befindet sich schon halb auf dem SinkSturzflug in Richtung Gabel, da höre ich

„Rechtsanwalt Hungerdunker hier, guten Tag. Ich wollte mich mal nach dem Sachstand in Sachen Müller./. Müller erkundigen. Ihr Aktenzeichen ? Äh Moment ….. (raschel) …..(blätter)….. öhm, F 865/08.“

Jetzt hat er mich. Ich habe den Sachstand in Sachen Müller./. Müller nicht im Kopf. Die Akte befindet sich nicht in den 3 Stapeln in meinem Zimmer.

Er droht kündigt an, morgen noch einmal anzurufen  zu wollen.

Anruf bei der Geschäftsstelle, sie mögen bitte die F 865/08 in meinen Zutrag legen.

Die dogmatisch raffiniert ausgeklügelte Lösung in dem Urteil, das ich grad schreibe und zu dem mir nur noch 2 1/4  Gedankengänge gefehlt hatten -  hab ich nun vergessen.


Antworten

  1. Wohl aus genau diesem Grund kommen Rechtsanwälte, die ihr Geld mit Output verdienen müssen, meistens erst so spät aus dem Büro nach Hause. Denn während der normalen Bürozeiten reist einen das Telefon ständig aus den Gedankengängen heraus, so dass die Literatur-Nobelpreis-verdächtigen Schriftsätze erst in Nachtarbeit gefertigt werden können.

    Ein Anwalt, der für den Friedensnobelpreis schreibt, hat wohl den Beruf verfehlt…

  2. Sich verbinden lassen – wichtig,wichtig! Kann der Kollege nicht direkt selbst anrufen?

  3. Sich verbinden lassen – wichtig,wichtig! Kann der Kollege nicht direkt selbst anrufen?

    Nein, ist vielbeschäftigter Oberwichtigtuer

  4. Darüber wundere ich mich auch immer wieder.

    Schritt 1: Sekretärin zum Anruf anweisen
    Schritt 2: Warten, bis der Anruf durchgestellt wird (gerne auch etwas länger, man ist ja vielbeschäftigt)

    Da will mir doch niemand erzählen, er bekomme während er auf das Durchstellen wartet, noch großartig etwas gearbeitet. Gedanklich ist man da doch schon beim Telefonat.
    Ich glaube, persönlich anrufen spart mehr Zeit.

  5. Ich hätte vorm Auflegen nicht so lang gewartet.
    Also, echt.
    Intelligente Anwälte wissen, dass man erst die Geschäftsstelle anruft, die suchen dann die Akte raus. Ob die dann gebracht wird, während man mit dem Anwalt redet, oder ob ein Zettel mit Rückrufbitte drauf ist: Es geht definitiv schneller.
    Allerdings war man dann nicht ganz so „wichtig“.

  6. Es geht den Menschen, wie die Leut’. Unter Richtern und Staatsanwälten gibt es auch einige „Spezialisten“, die dicke Akten gerne telefonisch aus dem Weg geräumt wissen.

    Mitten während der Fertigung der Klage im Fall Müller ruft Richter Schulze an, um sich zu erkundigen, wie mein Mandant zu der vor 13 Monaten eingereichten Klageerwiderung der Gegenseite im Fall Meier stehe und ob man sich nicht vergleichen wolle.

    MEIER? Wer war jetzt gleich noch ‘mal Meier? Jener Meier, für den ich vor 18 Monate eine Klage eingereicht habe und seitdem nichts mehr vom Gericht gehört habe? Keine Ahnung, worum es da überhaupt ging. Kann ich zurückrufen? Nein. Der Herr Vorsitzende macht jetzt Feierabend, ist dann zwei Wochen im Osterurlaub und gibt anschließend das Dezernat an einen Kollegen ab. Die Nr. 4, die mit dem Fall (nicht) beschäftigt sein wird. Weshalb hat er dann überhaupt angerufen? Und wo war ich gerade stehengeblieben?

    Fragen über Fragen. Schalten Sie auch nächste Woche wieder ein, wenn es heißt: Staatsanwalt Schmidt Zwo am Telefon! Er möchte gerne über Verjährungsfragen sprechen! (Wieso mit dem Verteidiger? Weshalb nicht mit seinem Gruppenleiter? Nein, ich habe seit 2002 keinen Kontakt mehr zu dem Beschuldigten B.).

  7. Da hilft nur eins – Telefon ausstöpseln und nur noch über Mail erreichbar sein :)

  8. Einige Richter geben ja ihre direkte Durchwahl nicht im Regelfall weiter, sondern geben nur die der Geschäftstelle an.

  9. „Die dogmatisch raffiniert ausgeklügelte Lösung“

    Klingt nach § 242 BGB.

  10. “Die dogmatisch raffiniert ausgeklügelte Lösung”
    Klingt nach § 242 BGB.

    Ha
    242-iger Lösungen flutschen nur so und gehen ruck-zuck

  11. Verbinden lassen, kann effizient sein. Effizient ist es aber nur für max. 1% der Leute. Ich kenne genau einen Anwalt, der es konsequent so macht und habe vollstes Verständnis dafür, dass er es so macht, seit ich seine Büroorganisation gesehen habe. Der hat an einem Tag ellenlange Anruflisten auch zu Leuten, die selber nicht immer sofort/ohne weiteres erreichbar sind, seine Sekretärin holt ihm einen Gesprächspartner nach dem anderen – wenn einer nicht erreichbar ist, kommt erstmal der nächste dran. Wartezeit wird ggf. mit konzentrationsarm durchführbaren Tätigkeiten verbracht – zum Beispiel Unterschriftenmappe. Das geht soweit, dass das auch so gemacht wird, wenn er unterwegs ist, sie ruft an und verbindet einen dann ins Auto.

  12. Den Anwalt müsste man kennen! Wenn man von der Quantität der Klienten auch auf die des monatlichen Geldeinganges schließen könnte… ;-)

  13. Die Klienten sind gar nicht so viel, wir reden von der zugegebenermaßen etwas exotischen Spezies von gößeren Insolvenzverwaltern. Der monatliche Geldeingang ist da allerdings, soweit ich es beurteilen kann, trotzdem astronomisch.

    Der Standard-Großkanzleipartner darf sich trotz ebenfalls schöner Geldeingänge hingegen mit dem Schicksal anfreunden, seine Direkt-Durchwahl und Handynummer bei den Mandanten zu deponieren und ihnen auch ohne passive sekretariale Abschirmung zur Verfügung zu stehen.

    Kurz: Es gibt ganz wenige Nichtwichtigtuer, bei denen das Verbindenlassen okay ist. 99% der Verbindenlasser sind des Wichtigtuns schuldig zu sprechen!

  14. [...] dankt Richter Ballmann für die Anregung. Blogged with the Flock [...]


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